Der zweite Hummer tritt anders auf
Hallo liebe Kunstfreunde,
diesmal geht es um STANDING GROUND II, die zweite Fassung meines Hummermotivs aus der WILD SKETCHES Serie und der Werkgruppe ARMOUR.
Und ja, der Titel verrät es schon: Es gab vorher bereits einen ersten Hummer. STANDING GROUND entstand 2025 als Auftragsarbeit für ein Ferienhaus in der Normandie. Danach folgte CLOSED, BUT NEVER EMPTY, das Austernbild als ruhigeres Gegenstück. Der Hummer zeigt Schutz nach außen. Die Auster zeigt Schutz nach innen.
Wegen einer leichten Beschädigung des ersten Hummer-Gemäldes kam mit STANDING GROUND II das Thema noch einmal zurück. Nicht als Kopie. Nicht als „mach das Gleiche nochmal in Grün“. Sondern eher als zweite Begegnung mit demselben Tier.
Und diesmal steht der Hummer anders da.
Warum ein zweiter Hummer?
Bei Wiederholungen muss man aufpassen. Ein zweites Bild kann schnell wie eine technische Variante wirken: andere Farbe, neue Leinwand, fertig. Das wäre mir zu wenig gewesen.
Mich interessierte nicht, das erste Bild einfach zu wiederholen, sondern zu schauen, was sich verändert, wenn dasselbe Motiv noch einmal auftaucht. Beim ersten STANDING GROUND wirkt der Hummer etwas dunkler, schwerer und bodennäher. Er behauptet seinen Platz, aber eher aus einer etwas gedrungeneren Haltung heraus.
STANDING GROUND II ist frontaler. Die Scheren stehen höher. Die Antennen greifen weiter in den Raum. Der Körper wirkt wacher, direkter und entschlossener. Dieser Hummer schaut nicht höflich vorbei. Er ist da.
Nicht aggressiv im Sinne von „komm her, ich kneife dich“. Obwohl: Ganz ausschließen würde ich es bei einem Hummer jetzt auch nicht.
Aber es geht mir nicht um Angriff. Es geht um Präsenz.
Der Hummer als Gegenüber
Hummer sind für mich spannende Tiere, weil sie so leicht falsch gelesen werden. Viele sehen zuerst Luxus, Küste, Restaurant, Urlaub, Teller. Also eher das, was Menschen aus dem Tier machen.
Mich interessiert aber das Tier selbst.
Ein Hummer ist ein gepanzertes Wesen mit Scheren, Antennen, Gelenken, Reflexen und einer fast technischen Körperform. Er sieht ein bisschen aus wie eine kleine Maschine aus dem Meer, nur eben lebendig, tastend, wachsam und ziemlich weit weg von braver maritimer Dekoration.
In der WILD SKETCHES Serie geht es mir oft um Tiere, die einen zweiten Blick verdienen. Manche, weil sie als gefährlich, hässlich oder unheimlich gelten. Andere, weil wir sie so stark auf Nutzen, Essen oder Symbolik reduzieren, dass das eigentliche Lebewesen fast verschwindet.
Der Hummer gehört für mich genau in diese zweite Gruppe.
Er ist kein Monster.
Aber er ist auch kein Menüpunkt.
Schutz, Wachstum und Risiko
Der Hummer passt besonders gut zur Werkgruppe ARMOUR, weil sein Schutz sichtbar ist. Er trägt seine Rüstung außen. Sein Panzer ist nicht verborgen, sondern Körper, Grenze und Verteidigung zugleich.
Aber gerade dieser Panzer macht das Tier für mich interessant. Er ist nicht nur Stärke. Er ist auch ein Problem.
Hummer wachsen, indem sie sich häuten. Der alte Panzer wird irgendwann zu eng. Um weiter wachsen zu können, muss der Hummer ihn abwerfen. Danach ist er für eine Zeit weich und verletzlich, bis der neue Panzer aushärtet.
Denn genau da wird aus dem Tier mehr als nur ein Motiv. Schutz ist wichtig. Ohne Schutz geht es nicht. Aber manchmal wird der alte Schutz zu klein. Dann hält er nicht mehr nur Gefahren ab, sondern auch Entwicklung.
STANDING GROUND II erzählt für mich deshalb nicht von Unverwundbarkeit. Der Hummer steht da, ja. Er behauptet seinen Raum. Aber seine Biologie erzählt gleichzeitig, dass echte Entwicklung immer auch ein Risiko hat.
Manchmal muss man etwas ablegen, das einen lange geschützt hat.
Und dann steht man erstmal ziemlich weich in der Gegend herum.
Nicht gerade die angenehmste Phase. Aber wahrscheinlich eine der ehrlichsten.
Technik und Farbwahl
Bei STANDING GROUND II wollte ich den Hummer klarer und direkter setzen als beim ersten Bild. Die Komposition ist frontaler, die Linien sind schneller, der Körper nimmt den Raum entschiedener ein.
Die schwarzen Linien geben dem Tier Gewicht, Panzer und Struktur. Die weißen Linien bringen Licht, Reflexe und Bewegung hinein. Mir war wichtig, dass das Bild skizzenhaft bleibt, aber nicht beliebig wirkt. Es soll schnell aussehen, aber nicht egal. Wild, aber kontrolliert genug, damit der Hummer wirklich steht.
Der grüne Hintergrund ist heller und frischer als beim ersten STANDING GROUND. Für mich liegt diese Farbe zwischen Küstenwasser, Algen, Panzerreflexen und dieser Zone, in der Meer nicht romantisch blau ist, sondern lebendig, trüb, grünlich und voller Material.
Gleichzeitig passt das Grün besser zum blauen Austernbild CLOSED, BUT NEVER EMPTY. Zusammen wirken die beiden Arbeiten wie zwei Seiten eines Themas: offene Verteidigung und stille Abgrenzung.
Hummer und Auster
STANDING GROUND II befindet sich gemeinsam mit CLOSED, BUT NEVER EMPTY in einer Privatsammlung in der Normandie. Das passt für mich sehr gut, weil die beiden Werke nicht nur formal zusammengehören, sondern auch inhaltlich miteinander sprechen.
Der Hummer hebt die Scheren.
Die Auster bleibt geschlossen.
Der eine zeigt seine Grenze nach außen.
Die andere trägt ihre Grenze als Schale um ein verborgenes Inneres.
Beide sind keine glatten, hübschen Meerestiere im dekorativen Sinn. Beide haben raue Oberflächen, Schutzformen und eine eigene Logik. Und beide sagen auf ihre Weise: Schau nochmal hin.
Genau darum geht es mir in dieser Serie immer wieder.
Nicht das Tier als Symbol von der Stange.
Nicht das Tier als hübsche Oberfläche.
Sondern das Tier als Gegenüber.
Warum STANDING GROUND II?
Der Titel STANDING GROUND bedeutet für mich: den eigenen Platz behaupten. Nicht ausweichen. Nicht kleiner werden. Nicht sofort verschwinden, nur weil jemand oder etwas Druck macht.
Beim zweiten Hummer ist dieser Gedanke noch direkter geworden. STANDING GROUND II wirkt weniger wie ein Tier, das sich aus dem Hintergrund heraus behauptet, und mehr wie eines, das bereits da ist und keinen Grund sieht, sich zu entschuldigen.
Das gefällt mir an dem Bild.
Es ist kein lautes Heldenmotiv. Kein „Ich bin unbesiegbar“-Plakat. Dafür ist der Hummer biologisch viel zu interessant und ehrlich gesagt auch zu verletzlich. Aber er hat Haltung.
Und manchmal reicht genau das.
STANDING GROUND II ist für mich eine zweite Auseinandersetzung mit einem Tier, das viel mehr ist als Panzer, Scheren und Speisekarte. Es ist ein Bild über Schutz, Wachstum, Grenze und Präsenz.
Ein Hummer, der nicht weicht.
Zum zweiten Mal.
Aber diesmal klarer.
Euer
Martin Lingens
Werkansicht – STANDING GROUND II


























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