Warum eine harte Schale ein Zeichen für etwas Besonderes ist
Hallo liebe Kunstfreunde,
diesmal geht es um CLOSED, BUT NEVER EMPTY, mein Austernbild aus der WILD SKETCHES Serie und der Werkgruppe ARMOUR.
Das Bild entstand nach meinem ersten Hummerbild STANDING GROUND. Eigentlich war der Hummer zuerst das zentrale Motiv für eine maritime Arbeit. Aber je länger ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass dazu noch ein Gegenstück fehlt. Nicht noch ein Tier mit erhobenen Scheren. Nicht noch ein Motiv, das sich offen verteidigt. Sondern etwas Stilleres.
Etwas, das geschlossen bleibt.
So kam ich zu den Austern.
Warum Austern?
Austern sind auf den ersten Blick kein besonders dankbares Motiv. Sie haben keine Augen, keine Mimik, keine Krallen, keine dramatische Bewegung. Sie schauen einen nicht an. Sie liegen einfach da. Rau, hart, geschlossen, fast wie Steine.
Aber genau das fand ich interessant.
In meiner WILD SKETCHES Serie beschäftige ich mich mit Tieren, die einen zweiten Blick verdienen. Oft sind das Tiere, die als gefährlich, hässlich, unheimlich oder eklig gelten. Bei Austern ist es etwas anders. Sie werden nicht unbedingt negativ gesehen, sondern häufig auf Essen, Luxus oder Meer reduziert. Auch das ist eine Verkürzung.
Denn eine Auster ist nicht einfach eine Schale auf einem Teller. Sie ist ein lebendes Filtersystem, ein Schutzraum, ein kleiner Körper aus Schichten, Kalk, Wasser und Zeit. Unter guten Bedingungen kann eine einzelne Auster große Mengen Wasser filtern. Ganze Austernriffe schaffen Lebensräume für andere Tiere und können Küstenökosysteme stabilisieren.
Von außen sieht man davon fast nichts. Man sieht nur die Schale.
Der Titel: CLOSED, BUT NEVER EMPTY
Der Titel CLOSED, BUT NEVER EMPTY war für mich ziemlich direkt da. Geschlossen, aber nie leer.
Das passt zur Auster, aber auch zu Menschen. Man kann Menschen eben nur vor den Kopf schauen. Man sieht Oberfläche, Gesicht, Körper, Haltung, vielleicht ein Verhalten. Aber man sieht nicht, was jemand innerlich schützt, filtert, verarbeitet oder mit sich trägt.
Bei der Auster ist diese Grenze ganz konkret: die Schale. Sie wirkt hart und abweisend, aber innen ist sie nicht leer. Innen findet Leben statt.
Und dann ist da natürlich die Perle. Nicht als romantisches Schmuckklischee, sondern als Prozess. Eine Perle kann entstehen, wenn etwas Störendes ins Innere gelangt und Schicht für Schicht umhüllt wird. Aus Irritation entsteht eine Form. Aus Reibung entsteht etwas Eigenes.
Das finde ich als Bild ziemlich stark. Nicht jede Störung wird automatisch schön. So kitschig möchte ich es gar nicht erzählen. Aber die Idee, dass ein Lebewesen auf etwas Fremdes nicht mit Flucht, sondern mit Umwandlung reagiert, passt sehr gut zu meiner Arbeit.
Technik und Farbwahl
Für den Hintergrund habe ich ein klares Blau gewählt. Natürlich steht Blau bei einem Austernbild schnell für Wasser und Meer. Aber ich wollte keine romantische Meereslandschaft malen. Keine Wellen, keinen Strand, keine brave Küchendeko.
Nur Blau. Eine Fläche, auf der die Austern fast wie Fundstücke oder kleine geologische Körper liegen.
Die Linien habe ich mit schwarzen und weißen Acrylmarkern gesetzt. Schwarz gibt den Schalen Gewicht, Tiefe und diese raue, zerfurchte Struktur. Weiß bringt Licht, Salz und Feuchtigkeit hinein. Gerade bei Austern wollte ich nicht zu sauber werden. Sie sollten nicht hübsch aussehen, sondern gewachsen. Geschichtet. Unregelmäßig. Ein bisschen widerspenstig.
Die Schalen erinnern mich fast an kleine Landschaften. An Felsen, an Spuren von Wasser, an Dinge, die langsam entstehen und nicht einfach glatt poliert werden wollen.
Das Gegenstück zum Hummer
Für mich gehört CLOSED, BUT NEVER EMPTY eng zu STANDING GROUND und später auch zu STANDING GROUND II.
Der Hummer zeigt Schutz nach außen. Panzer, Scheren, Haltung. Er steht da und wirkt, als würde er sagen: Bis hierhin und nicht weiter.
Die Austern machen das Gegenteil. Sie bleiben geschlossen. Sie verteidigen sich nicht durch Angriff, sondern durch Grenze. Sie müssen nichts beweisen. Sie bleiben bei sich.
Genau deshalb passt das Austernbild zur Werkgruppe ARMOUR innerhalb meiner WILD SKETCHES Serie. Es geht nicht nur um Rüstung im offensichtlichen Sinn. Nicht nur um Panzer und Scheren. Eine Schale ist auch eine Rüstung. Nur eben leiser.
Persönliches Fazit
CLOSED, BUT NEVER EMPTY ist für mich ein eher stilles Bild. Es schreit nicht nach Aufmerksamkeit. Es stellt sich nicht frontal in den Weg wie der Hummer. Aber je länger ich darauf schaue, desto mehr interessiert mich diese Ruhe.
Vielleicht sieht man zuerst nur Austern. Vielleicht denkt man an Normandie, Meer, Essen oder Urlaub. Aber darunter steckt etwas anderes: ein Bild über Schutz, verborgenes Leben und die Frage, wie viel in einer geschlossenen Form stecken kann.
Geschlossen heißt nicht leer.
Es heißt nur: Du siehst noch nicht alles. Und manchmal muss etwas Wertvolles beschützt werden.
Euer
Martin Lingens
Werkansicht – CLOSED, BUT NEVER EMPTY















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